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Der Sach-Aspekt der Situation
Was ist Sache?Vor dem Hintergrund von Situationsdynamik ausgebildete BeraterInnen und TrainerInnen gehen davon aus, daß alle an der Situation beteiligten Personen mit ihrem eigenen Sachverständnis auf die Kommunikation zur "verabredeten Sache" Einfluß nehmen. Auf dieser Beobachtung basiert die Wahrnehmung von Sachdynamik, die im folgenden genauer betrachtet werden soll.Sachdynamik wird durch die immer auch theoriegeleitete Lebenspraxis der Beteiligten genährt, durch ihre Lebens- und Berufserfahrung, ihre Weisheit, ihr Können und praktiziertes Wissen. Es ist also schlicht nicht möglich, eine rein "sachbezogene" Komunikation unter Ausschluß des Ich- und Wir-Aspekts der Situation und der Intentionen der Einzelnen in einem sozialen System zu gestalten. Auch wenn diese Aspekte längere Zeit nicht direkt im Gespräch sind oder nicht ins Gespräch kommen sollen, wirken sie sich auf die Situation aus. Ebenso werden sich Auswirkungen auf die Qualität der Sachdynamik zeigen, wenn die Wirklichkeitskonstruktionen der anwesenden Personen als nicht zur Sache gehörig betrachtet werden. Wenn beispielsweise nach einem Vortrag vor größerem Publikum die übliche Frage- und Diskussionsrunde eröffnet wird, kann es passieren, daß einzelne Teilnehmer nachdrücklich ihre eigene Sachlogik ins Gespräch bringen und auf der Würdigung ihrer Sicht auf die Sache bestehen, wodurch andere Teilnehmende sich unter Umständen angeregt sehen, ihrerseits mit ihrer Lebens-Sacherfahrung zum Thema zu reagieren statt die vorgetragenen Inhalte des Experten zu diskutieren. So kann innerhalb kürzester Zeit eine deutlich spürbare, heftige sachdynamische Welle im Publikum aufbranden, die von der vortragenden Person im Sinne ihrer Auslegung der zur Debatte stehenden Sache erwartungsgemäß mit allen Mitteln gebremst und beruhigt wird, um die vorgetragene Expertensicht und Interpretation der Sache nicht zu beeinträchtigen oder zu verwirren. Experten-Vorträge sind natürlich ein unverzichtbares Instrument, um zu einem vorgegebenen Thema möglichst viel Wissen in kürzester Zeit an möglichst viele interessierte Menschen zu vermitteln; sie sollen hier keinesfalls diskreditiert werden. Dieses Beispiel soll hier dazu dienen, die manchmal ganz plötzlich und unerwartet aufbrausende Kraft der Sachdynamik, die sich auch in einer größeren ZuhörerInnenmenge entwickeln kann, anschaulich zu machen. Ein Vortrag mit anschließender Fragerunde bietet traditionell nicht den Raum, sich sachdynamisch mit den Positionen der ZuhörerInnen auseinander zu setzen. Dazu eignen sich die Lehr- und Lernformen oder Lernarchitekturen, die mit dem Hintergrund der Situationsdynamik arbeiten. Sie ermöglichen es in Bildungs-, Beratungs- und Trainingsprozessen, die unterschiedlichen Sachlogiken der Teilnehmenden zur Sprache kommen zu lassen. Dazu wird Raum und Zeit zur Verfügung gestellt, so daß alle Beteiligten ihre Sachauffassungen äußern und ihre aktuelle Sachdynamik erleben können. So erfahren die Teilnehmenden hier und jetzt, daß es nicht nur einen lehrenden Experten (die Leitung) der Veranstaltung gibt, sondern ebenso viele Experten wie Anwesende, deren jeweilige Sachauffassung bzw. Sachlogik als ebenso theoretisch geprägter Experten-Fundus ihrer bisherigen Lebenserfahrung und Lernprozesse in einem gemeinsamen sachdynamisch konzentrierten Lernprozeß zu würdigen ist. Mit ihrem Ansatz des theoriegeleiteten und praktikablen "Mehr" im Sinne prozeßorientierten Arbeitens in
und mit Gruppen reagierten die Begründer der Situationsdynamik bereits in den frühen 80er-Jahren auf die These der Bildungsdebatte
der End-70er-Jahre, daß wissenschaftliche bzw. theoretische Arbeit mit der Lebenspraxis der Menschen, die daran nicht
unmittelbar beteiligt sind, unvereinbar sei. Bildungsexperten beobachteten und diagnostizierten damals die Auswirkungen einer Kluft,
die als zunehmende Entfernung zwischen dem wissenschaftlichen Arbeiten, der Forschung, Theoriebildung und Lehre einerseits und
der Arbeits- und Lebens-Praxis der Menschen andererseits beschrieben wurde.
Prozeßorientiertes Arbeiten in und mit Gruppen muß also (und kann!) gelernt werden. Die dazu geeigneten Lernarchitekturen sind
entsprechend inhaltlich gering strukturierte Arbeitsformen, die den Lehrenden ein Erleben und Handhaben von Sachlogiken und Sachdynamik
in einem geschützten Übungs- und Erfahrungsfeld ermöglichen. Denn ohne angemessene eigene Lernprozesse mag es Lehrenden,
die jahre- oder sogar jahrzehntelang nur traditionelle Frontalunterrichtsmethoden eingesetzt haben und nun offene Lernprozesse
praktizieren sollen, so vorkommen, als rasten sie bei sich öffnender Sachdynamik einer Gruppe wie auf Inlineskates ohne Bremsen einen
steilen Hang hinunter, ohne abschätzen zu können, wie und ob es unten überhaupt weitergeht...
Die Konzepte der Situationsdynamik reagierten mit einer fundierten Theoriebildung und Didaktik auf diese aktuellen Phänomene und
begegnen didaktisch und gruppendynamisch schwierigen Situationen auch heute theoretisch kritisch und mit angemessenen Arbeitsformen.
Insofern kann auch die historische Entwicklung der Situationsdynamik als sachdynamisches und theoriebildendes Beispiel für die zuvor
beschriebene Problematik dienen.
Wenn man also fragt, wie denn Sache in der angewandten Situationsdynamik aufzufassen ist, könnte man grundlegend sagen:
Die Effekte und Ergebnisse werden von den Teilnehmenden festgestellt und überprüft werden.
So bleibt auch die Definitionsmacht für das Gelingen der Sach-Kommunikation bzw. des Lernens bei denen, die von der Leistung der lehrenden,
beratenden bzw. bildenden professionellen Person profitieren möchten. Und damit wird die Anforderung, sich an "Teilnehmererwartungen"
zu orientieren, spätestens bei der Beurteilung der Veranstaltung auf praktische Füsse gestellt, wodurch die Professionellen zur Fortsetzung
ihrer eigenen Lernprozesse angeregt bzw. durchaus nachdrücklich aufgefordert werden können.
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