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Am Anfang war der UnterschiedWie in den Texten zur Ich-Dynamik "Denk-Muster und Ich-Konzepte", soll hier der "Denke" von BeraterInnen, Lehrenden,TrainerInnen und KlientInnen vor dem Hintergrund der Wir-Dynamik der Situation nachgegangen werden. Zur Untersuchung unterschiedlicher "Denken" im Zusammenhang mit Gruppen,
sozialen Systemen bzw. jeglichem definierten "Wir" eignet sich meines Erachtens
am besten das Situationsdynamik-Training. Als angewandte Lernarchitektur
bzw. Lehr-Lern-Konzept dient es vor allem der Reflexion und Vertiefung
personaler Kompetenzen.
Die Bezeichnung "Personale Kompetenzen" umfaßt in der angewandten Situationsdynamik die persönlichen und die sozialen Fähigkeiten. Hier wird theoretisch und didaktisch keine Unterscheidung gemacht. Aus dem Fundus gruppendynamischer Grundannahmen könnte man diese Nicht-Unterscheidung
mit der Anerkennung von und dem Respekt vor der gegenseitigen Abhängigkeit der Menschen
in sozialen Systemen begründen: Ohne soziale Lernprozesse sind keine individuellen Lernpprozesse
möglich - und ohne individuelle Lernprozesse keine sozialen... Eine "gleichberechtigte" Abhängigkeit
und Differenz zwischen beiden bleibt bestehen. Aus einer solchen Begründung resultieren einige Lehransätze,
die je nachdem individuelles oder soziales Lernen vorrangig betreiben und danach in das andere integrieren.
Zur Veranschaulichung der zuvor beschriebenen Hypothese möchte ich aus den Texten zum Ich-Aspekt "Denk-Muster und Ich-Konzepte" zwei wesentlich unterschiedliche "Denk"-Modelle mit ihren unterschiedlichen Voraussetzungen und Schlußfolgerungen vorstellen:Noch eine Etage tiefer, dem Denken auf den Leib gerückt, hinter den wahrnehmbaren Phänomenen menschlichen Tuns und Lassens, können auch die Denkmuster des Ich kommuniziert und somit beobachtet werden. Im Situationsdynamik-Training bemühen wir uns um die Wahrnehmung der Komplexität der Situation. Das heißt: Die Beteiligten arbeiten mit
der Kommunikation ihrer Wahrnehmungen und Beobachtungen, die auf ihren jeweiligen Wirklichkeiten basieren. Das bedeutet auch, vertraute
Denkstrukturen erweisen sich unter Umständen als untauglich, wenn die Komplexität der Situation nicht wie gewohnt möglichst rasch reduziert
werden soll, um Orientierung zu gewinnen und handlungsfähig zu bleiben.
Die soziale Situation kann als Reservoir oder Forschungslabor, als Arena oder Kriegsschauplatz aufgefaßt werden;
unabhängig von allen Auffassungen wirkt sie immer Sinn konstituierend. In sozialen Systemen wird fortlaufend Sinn aufgrund von
menschlichen Wertvorstellungen produziert. Sinn ist zugleich die Basis für spezifische Zielsetzungen und Aktivitäten
der Systeme. Von der Auffassung (Interpretation oder Konstruktion) der sozialen Situation sind aber Art, Quantität und Qualität
der Sinnerzeugung abhängig.
Theoriebildende und didaktische Überlegungen der Situationsdynamik bemühen sich deshalb nicht um die Auflösung des Dilemmas, was nun die richtige Theorie zwecks Untersuchung von und Einsicht in das Funktionieren sozialer Systeme ist. Das tun zum Beispiel immer noch einige Schulen psychoanalytisch ausgerichteter Gruppendynamik-Trainer, die in ihr grundlegendes Interventionsspektrum inzwischen auch systemische Überlegungen zu integrieren versuchen, was die Normativität psychoanalytisch theoretischer Grundlagen und angewandter Methoden aus gruppendynamischer Tradition jedoch nicht zu verändern vermag. In Übereinstimmung mit Erkenntnissen der Wissenssoziologie kann man davon ausgehen, daß durch jedes Beziehen eines (forschenden) beobachtenden Standpunkts eine bereits entwickelte, (er)klärende und bewertende Position ausgedrückt wird, die sich zwangsläufig an Normen und Werten bzw. Believe-Systemen des Beobachters orientiert. Niemand ist im Besitz der allgemeingültigen Wahrheit, ungeachtet aller kollektiven Sehnsüchte, sie zu finden und beweiskräftig zu praktizieren. Aber selbst wenn man das weiß, kommt man als Akteur und Beobachter, als Trainer oder Mitglied eines sozialen Systems nicht umhin, Position zu beziehen und von Annahmen auszugehen, die von bisherigen eigenen Erfahrungen in sozialen Systemen bestätigt wurden. Indem aber Position bezogen werden muß, wird das Dilemma für alle Beteiligten sichtbar. Positionierungen wie "Ich weiß wie es ist!" oder "Ich gehe mal davon aus, daß ..., was folgt dann daraus?" oder "Ich habe das schon als nützlich erlebt, was meinen Sie dazu?" verraten mehr über den Beobachter als über das beobachtete soziale System. Man sieht dann Anhänger traditioneller Theoriebildung bei der gründlichen Diagnosearbeit, die im Eifer des Gefechts zu Kommunikationsmustern wie "Hab ich Dich, Du Schweinehund!" tendieren. Das haben nicht alle Leute immer gern. Und man wird beobachten können, daß Anhänger oben genannter systemberaterischer Ansätze sich davor hüten, implizit oder explizit solche Äußerungen zu machen. Sie bevorzugen elegantere Kommunikationsmuster, die von manchen Menschen als relativierend oder ausweichend empfunden werden, was in Krisensituationen auch nicht besonders angenehm ist. In Situationsdynamik-Trainings wird darum eine Vervielfältigung des Dilemmas angestrebt, damit jedenfalls deutlich wird: Es gibt nicht die richtige und die falsche Haltung. Das ist die Hypothese, von der SD-TrainerInnen ausgehen und womit sie ihre trainierende Gruppe konfrontieren. Das zieht dann erst einmal ein wunderschönes so empfundenes "Chaos" nach sich, das natürlich auch niemand leiden kann. Denn die ersehnte multiperspektivische Sicht, die (über vertraute Deutungs- und Handlungsmuster hinausgehend) andere und mehr Optionen entdecken läßt als die bisher realisierten, ist mit solcher Konfrontation noch lange nicht erreicht. Jedoch ist damit der wesentliche Unterschied formuliert, der die angewandte Situationsdynamik von anderen Ansätzen unterscheidet: Es gibt so viele Sichtweisen und Konstruktionen dieses sozialen Systems wie BeobachterInnen anwesend sind und zwar inklusive TrainerInnen. Keine Sichtweise ist richtig oder falsch, manche sind manchmal nützlicher als andere. Alle haben ihre Chancen und Gefahren. So kann man im Wesentlichen die Haltung der Unentscheidbarkeit beschreiben, die
im Idealfall auch grundlegend die Denk-Haltung der Beteiligten im SD-Training prägt:
Wir wissen nicht so viel über "die" Wirklichkeit.
Das Problem der Normsetzung entfällt also nicht, indem man behauptet,
es entfalle, indem man sich auf die tatsächlich vorhandene Situation
bezieht. Denn: Was ist denn die "tatsächlich vorhandene Situation"? Auch die Geschichte der Sozialpsychologie
erzählt Kapitel für Kapitel über immer nur zum Teil zutreffende Hypothesen und Schlußfolgerungen,
die günstigstenfalls ausschnittweise Zusammenhänge erhellen konnten, aber je für sich genommen nicht zur
Wahrnehmung einer "Wirklichkeit" führte, die den Forschenden lange Zeit als ein allen wahrnehmbares, unveränderbares
Ganzes vorschwebte.
Es gibt trotz aller gemeinsam verhandelter Standards, Daten und Ereignisbeschreibungen (mehr oder weniger deutlich) unterschiedliche Beobachtungs-, Kommunikations- und Handlungsprozesse, die alle Beteiligten im Hier und Jetzt der Trainings-Situation in ihrem Ringen um Definitionsmacht zeigen. Auf diese Weise vervielfältigt sich auch der Prozeß der Normsetzung und wird günstigstenfalls als soziale Aktivität aller Beteiligten kommunizierbar, d.h. hier und jetzt als manifestes Geschehen in diesem sozialen System beobachtbar. Und schon ist ein neuer Glaubenssatz kreiert! Da die Selbstreferentialität
jeglicher Aussage unvermeidlich ist, könnte man also jetzt fragen,
ob ich mit diesem "neuen Glaubenssatz" gerade ein selbst verstecktes Osterei gefunden habe und/oder ob
ein soziales System diese Aussage nützlich finden könnte, um welchen Sinn auch immer daraus zu produzieren.
Solche Fragestellungen klingen sehr verdächtig nach gruppendynamischen Laboratoriumsfragen, die sich in den 70er-Jahren auch in Deutschland plötzlich großer Beliebtheit erfreuten. In einigen Berater- und Trainer-Profi-Kreisen sind sie inzwischen völlig out - wozu und für wen ist das nützlich? In anderen Kreisen baut man nach wie vor und nur auf die aus dieser Zeit gewonnenen Erkenntnisse und findet womöglich immer wieder selbst versteckte Ostereier - könnte das nicht auch nützlich sein? Im Situationsdynamik-Training bewegt man sich zwischen beiden Lagern, die sich gar nicht gut vertragen, auch nicht im Innern einer einzelnen darüber nachdenkenden Person, was möglicherweise in den ersten konzeptionellen Aussagen zur Situationsdynamik zur Bezeichnung der "Überkomplexität der Situation" geführt hat. Dieser Begriff kann auch als Beschreibung dafür verstanden werden, daß ein möglichstes Offenhalten der Bewertung situativen Geschehens manchmal über das dem Verstand Erträgliche hinausgehen kann. Dadurch wird aber die Situation eines sozialen Systems nicht komplexer als äußerst komplex. Jedenfalls ist das Trainer-Handeln in einem SD-Training (und allen anderen von Situationsdynamik geprägten Arbeitsformen) ein mehrfach theoriegeleitetes Handeln auf der Basis von nachvollziehbaren (= kommunizierten) Vorannahmen. Die auf diese Weise von TrainerInnen kommunizierten Normen und Werte tragen deutlich (= deutbar) und je nach dem auch zur Regelbildung des jeweilig arbeitenden sozialen Systems bei. Folglich reduzieren auch Trainer für Situationsdynamik die Komplexität der Situation, indem sie Fragen stellen, die auf bereits entwickelten Hypothesen beruhen und zu Aussagen gelangen, ohne deren historisch fundierten und strukturierten Austausch ein Lernen in der sozialen Situation nicht möglich wäre. Der letztlich relevante Unterschied zwischen Situationsdynamik und anderen
Ansätzen ist also nicht die Frage nach einem bestimmten theoretischen
Konzept, das im Situationsdynamik-Training in der Arbeit mit dem sozialen
System hier und jetzt zu favorisieren ist. Sondern es ist eine grundlegend selbstreflexive
Frage, die immer wieder einen Anfang markiert und einen Ausdruck des relevanten
Unterschieds erst ermöglicht:
Es ist die immer wieder ähnlich lautende Frage an alle Beteiligten in der Situation:
"Wozu beobachte und kommuniziere (Intentionaler Aspekt)
ich (Ich-Aspekt) in diesem sozialen System (Wir-Aspekt) hier
und jetzt was (Sachaspekt)?"
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