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Der Ich-Aspekt und seine Dynamik
Das Modell der Situation ist eine Konstruktion, die der Strukturierung von Beratungs-, Supervisions-, Trainings- und anderen Lehr- und Lernprozessen dient. Wie bei allen Modellen haben wir es auch hier mit einer immer auch unzulässigen Vereinfachung einer komplexen Sache zu tun, nämlich: wie die Dynamik der Situation mit ihren wesentlichen und strukturierenden Aspekten beschrieben werden kann. Die einzige Rechtfertigung für die Verwendung dieses Modells liegt in seiner Nützlichkeit für BeraterInnen und KlientInnen, die es zur Beschreibung ihres individuellen, sozialen, sachbezogenen und intentionalen Tuns gebrauchen können. Die nun folgenden Überlegungen zum Geschehen im Ich-Aspekt der Situation sind ebenfalls modellhaft vereinfachte Beschreibungen aus der Arbeit im Ich-Aspekt der Situation. Situationsdynamik bemüht sich um eine beobachtende Distanzierung von vertrauten psychologischen, philosophischen und theologischen Konstruktionen eines feststehenden unveränderlichen Individuums oder Ego. Daraus ergibt sich die beraterische und lehrende Absicht, auf der Basis beobachtbarer Bewegungen des Ich in seiner Welt zu arbeiten, um sich auf die Formen und Bedeutungen seiner Welt- und Wirklichkeitskonstruktionen konzentrieren zu können. Alles das, was das Ich tut, ist also die Beobachtungsbasis im Ich-Aspekt der Situation. Beobachtbar sind Bewegungen, Gestik und Mimik, die nonverbale und verbale Kommunikation. Jeder Mensch beobachtet fortlaufend seine aktuell erlebte Situation, da er sie sich im Sinne der soziologischen Definition der Situation erklären muß. Er tut das, um Ereignissen Sinn zuschreiben zu können, um Ereignisse als Bestandteile seiner sozialen Wirklichkeit aufnehmen zu können. Wahrnehmung, Beobachtung und Erklärung der Situation sind dabei immer abhängig von sich gegenseitig wahrnehmenden anwesenden Menschen. Und ebenso ist die Erklärung bzw. Deutung der Situation abhängig von historischen, politischen und kulturellen Gegebenheiten sowie von den Philosophien und Glaubenssystemen der an der Situation und ihrer Definitionen Beteiligten. Da es in der europäischen Kultur eine ausgeprägte Tendenz gibt, sich aus der Leibhaftigkeit des Daseins in geistvolle Konzepte und Theorien vom Ich zu verflüchtigen, die das leibliche Dasein nicht mehr wesentlich dem Ich-Sein zugrunde legen, beabsichtigt Situationsdynamik eine leibbezogene situative Betrachtung des Ich in seiner Situation. Das ist das leibhaftige Dasein im Hier und Jetzt. Das Ich kommuniziert in seiner Definition der Situation immer auch seine Biographie. Es drückt sein So-Geworden-Sein und sein Werden auch nonverbal fortwährend aus. Wer nun dazu neigt, die Biographie nur als den Lebenslauf zu betrachten,
mit dem man sich möglichst vielversprechend unter Auslassung schmerzlicher
oder dunkler Kapitel in Bewerbungen verkauft, wird in einer Bewerbungssituation
gute Gründe dafür haben, genau so und nicht anders vorzugehen.
Es mag sein, daß wir nichts von leiblicher Erinnerung wissen wollen, weil schon so viele Leute gesagt haben, “das Leben von der Wiege bis zum Grabe sei doch nichts als Plage” (K.Tucholski). An die Krise der Geburt haben die wenigsten Menschen noch irgendeine Erinnerung und vor dem Sterben fürchtet sich wohl jeder mehr als vor dem Tot-Sein. Allerdings sind auch das Lebens-Ereignisse, die alle Menschen leiblich mit allen Konsequenzen betreffen, auch wenn wir jenseits wissenschaftlicher Erkenntnisse dazu nur Vermutungen anstellen können. Dennoch ist es so, daß Menschen sich so verhalten, als hätte es nie einen Startschuß gegeben (man hat schließlich nicht darum gebeten) und als könne man auf ein Ziel zustreben, das nicht der Tod sein wird (man wurde schließlich vorher nicht aufgeklärt und hat keine Wahl). Man könnte es so sehen, als blieben diese denkfähigen Lebewesen namens Menschen lebenslänglich auf der Flucht vor ihrem Geworfensein in diese Welt, das ihre Autonomie zugleich begründet und beendet. Sie beschäftigen sich nicht gern mit leiblichen Ereignissen, über die sie keine Kontrolle haben. Es sei denn, es sei ihr Beruf, stellvertretend diese unkontrollierbaren Phänomene in einer gewissen Ordnung handhabbar zu machen, wie das Hebammen, Krankenpflegende und Ärzte, Philosophen, Seelsorger, Bestattungsunternehmen und Friedhofsmitarbeiter tun. Man könnte aber auch darangehen, diese permanenten Bewegungen menschlichen Überlebens inmitten unabwendbarer Krisen zu beobachten, ohne das Tun oder Lassen Einzelner zu bewerten. Denn trotz aller existentiellen Geworfenheit, Unsicherheit und Bedingtheit bewegt sich der Mensch in diesem Leben, in diesem fortwährenden Aufenthalt zwischen Geburt und Tod ausgesprochen behende und hat gelernt, sich zugunsten dieser Beweglichkeit allzu große Beunruhigungen seines Daseins vom Leibe zu halten. In der Beobachtung im Hier und Jetzt mag sich dann zeigen, wie das Ich in der Situation tätig mit einem ebenso widersprüchlichen wie erforderlichen Prozeß von Bewahren und Verändern beschäftigt ist. Es sammelt die Lebensspur von sich selber auf und versucht sie sowohl kommunizierend mitzunehmen als auch sie entsprechend einer ersehnten imaginierten Zukunft (mehr oder weniger deutlich sichtbar) tätig zu verwandeln. Das geschieht in einer ganz eigenen Dynamik, die sich erst im Hier und
Jetzt, im Innehalten, in der Beobachtung der Situation, als ein ständiges
Strömen von Vergangenheit durch die Gegenwart in eine mehr oder weniger
deutlich imaginierte Zukunft äußert. Während man dann darüber
nachdenken mag, ob es sich dabei um lineare oder kreisförmige Bewegungen
des Ich in der Zeit handelt, bleibt der Leib auf dem Boden. Es bleibt ihm
gar nichts anders übrig. Und er sammelt und wandelt sich mit.
Manchmal läuft er im Kreise, manchmal eine Acht und manchmal geradeaus.
Solcher Kommunikationsboden kann sich als wesentlich aussagekräftiger erweisen als alle Diskussionen über vernünftige, auch religiöse und philosophische Ideen, die häufig stellvertretend für leibliches Erleben geschildert werden. Allerdings ist hier auch eine Logik der sprachlichen Kommunikation zu beobachten, die sich hüten wird, in einen wesentlichen Widerspruch zur leiblichen Kommunikation zu geraten. Denn der Leib bleibt ja unter Verschluß, sobald wir öffentlich kommunizieren. Und wir haben alle unsere nachvollziehbaren Hinter-Gründe, die uns daran hindern, an diesen Grundfesten sozialen Sollens zu rütteln. Situationsdynamik bezieht sich aber mit ihren beraterischen, lehrenden und lernenden Konzepte immer auf berufliche, öffentliche, formale, institutionelle Kommunikation. Wie kann man nun auf solche Leibvergessenheit bzw. Leibverbotenheit reagieren, ohne dabei die Grenzen derer zu verletzen, die auf die Erhaltung ihrer Grenzen angewiesen sind? Zum einen kann man den Weg wählen, eine leibbewußte Sprache zu schaffen, wobei die Möglichkeiten und Grenzen solcher Sprachfindung immer von dem System gesteuert werden, das diese Sprache entwickelt und spricht. Zum anderen be(ob)achten diejenigen, die sich auf dieses professionelle Arbeiten im Ich-Aspekt der Situation verstehen, psychosomatische Symptome ebenso als leibliche Sprache wie die Mimik, Gestik und alle unwillkürlichen Körpergeräusche und -bewegungen, die in den meisten Fällen nicht als wesentlich bewertet werden. Beobachtungen dieser Art können als Angebote kommuniziert werden. Jedoch bleibt es bei allen professionellen Bemühungen, leibbewußte Kommunikation zu fördern, immer den Klienten-Systemen überlassen, wie sie beobachtete Phänomene ihres leiblichen Daseins behandeln und deuten. Es gibt in den Konzepten der Situationsdynamik kein Interesse, die KlientInnen
über ein besseres Leibverständnis, gesündere Lebensziele
und richtige Methoden, die dorthin führen, zu belehren.
So können z.B. Übungen der Scharing-Eutonie (‘Wohlspannung’) im Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen erheblich dazu beitragen, ein schmerzendes oder sich langweilendes, ein kompliziertes oder verwirrtes oder verunsichertes Ich-Konzept vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen, wo es meist verläßlicher als anderswo aufgehoben ist. Wer als BeraterIn selbst Übungen der Scharing-Eutonie erlebt hat und diese weiter praktiziert, wird bemerken, daß sich die vertiefte leibliche Präsenz auch in der verbalen Kommunikation auswirkt, indem entsprechende Erfahrungen und Beobachtungen mitkommuniziert werden. So wie hinter der abendländischen tendenziellen Leibvergessenheit bestimmte historische, kulturelle, religiöse und philosophische Gegebenheiten stehen, kann man hinter Lebenshaltungen, die das leibhaftige Da-Sein und ein gegenwärtiges So-Sein favorisieren, eine grundlegend andere Geschichte und Kultur erkennen, die ihre Wurzeln auch in den buddhistischen Traditionen Indiens, Chinas und Japans hat. Solche Wurzeln werden besonders in der Praxis (Zazen) des ZEN-Buddhismus gepflegt. Für welche leibpräsenz-pflegende Übung sich Menschen auch immer entschließen mögen, keinesfalls sollten sie dabei die Hintergründe wie Geschichte, Glauben und Kultur der Übung ihrer Wahl vernachlässigen. So wenig sich Scharing-Eutonie ursprünglich mit einer religiösen, philosophischen oder ideologischen Bedeutung versehen läßt, so wenig läßt sich die Geschichte von Buddha seit 2500 Jahren von der Praxis des ZaZen trennen. Leibpräsenz kann auch nicht unabhängig von den Geschichten der um sie bemühten Menschen gepflegt werden, die sie vielleicht als ein grundlegendes Zeichen von Egoismus, als Wurzel geistiger, seelischer und körperlicher Gesundheit oder als das Dasein schlechthin verstehen. In diesem Sinne ist auch die beraterische, trainierende und lehrende Haltung derer ausgerichtet, die vor dem Hintergrund von Situationsdynamik arbeiten. Sie können verschiedene Angebote machen und in der direkten Zusammenarbeit mit KlientInnen durchführen (z.B. Scharing-Eutonie). Und sie können über ihre eigene Praxis von Leib-Präsenz und ihre Pflege von Leibpräsenz informieren, (z.B. über ihre Praxis des Tanzens, Musizierens, der Pantomime oder auch über Meditationspraxis des ZaZens und Zen-Dojos in Deutschland), so daß sich die Interessierten selbst orientieren, möglicherweise entscheiden und mit der Übung ihrer Wahl beginnen können. Wenn man nun dem Ich etwas dichter auf den Leib rückt, ist zu beobachten, daß jedes Ich von allen anderen leiblich getrennt ist. Der Leib beginnt mit seiner Haut, wird von ihr begrenzt, wiederum durch Kleidung geschützt und verborgen, er bleibt so immer von allen anderen Leibern distanziert. Dies wird von vielen Menschen so fraglos vorausgesetzt und hingenommen, daß ein solches Für-Sich-Sein, ein so völliges Getrenntsein nicht als relevant für das eigene Dasein erlebt werden kann. Solange jedoch der Mensch nicht spürt, wie allein und leiblich getrennt von allen anderen er ist, kann er auch seine untrennbare Verbundenheit mit allem Existierenden nicht spüren. Wird aber dieses existentielle Getrenntsein leiblich für wahr genommen, ergibt sich ein anderer Zugang zum Ich-Sein in der sozialen Welt. Dann wird das Ich zum verantwortlichen Spezialisten für sich selbst, immer die Einsicht vorausgesetzt, daß das Ich ein sozial abhängiger Spezialist ist. Ein systemischer Berater würde die (unausweichlich gegebene) gegenseitige Abhängigkeit mit der Frage begründen: Woher sollen wir denn wissen, wer wir sind, wenn man es uns nicht sagt? Angesichts dessen können wir die christliche Aufforderung "Liebe Deinen Nächsten...", deren zweiter Teil "...wie Dich selbst" gelegentlich vergessen wird, in anderem Licht betrachten. Sie verliert den moralisierenden Geschmack einer Verpflichtung zu “Selbstlosigkeit” oder Altruismus, wenn die ganze Botschaft kommuniziert wird: Man kann seinen Nächsten nicht besser und mehr lieben als sich selbst. Man kann nicht das eine unter Ausschluß des anderen tun. Man kann nicht Mit-Gefühl und Zu-Gehörigkeit entwickeln, solange die eigenen und fremden leiblichen Grenzen und Botschaften nicht deutlich gespürt und gehört werden. Das Ich und sein leibliches Wandeln in der Welt ist so getrennt von anderen, daß es zu seiner Orientierung und Entwicklung existentiell eines Gegenübers bedarf. Es kann also keine solche ausschließliche moralische Entscheidung treffen, wenn es sich nicht in Fehleinschätzungen seiner selbst verlieren will. Im Banne moralisch verpflichtender Aufforderungen, auch vom eigenen Gewissen diktiert, wird dennoch von vielen Menschen angenommen, es sei hier eine grundlegende Entscheidung zugunsten eines rein sozial verpflichteten Daseins erforderlich, damit der Mensch ein guter Mensch werden könne. Solange dieser Regelkreis zwischen persönlichen Gewissensinstanzen und sozialen moralisch werterhaltenden Instanzen ungestört erhalten bleibt, kann die ängstliche Egozentrik solchen Handelns nicht erkannt werden. Denn unreflektiert und unverstanden unternimmt das Ich unter solchem moralischen Entscheidungsdruck alle seine Anstrengungen bloß, um befürchteten und tatsächlichen Schuldzuweisungen von außen und nagenden Schuldgefühlen von innen zu entgehen. Psychosomatisch leidende Menschen, die sich in psychotherapeutisch stationäre
Behandlung begeben, schildern die Folgen solcher Entweder-Oder-Annahmen
im Zusammenhang mit ihren individuellen Geschichten in vielfältigen
Variationen, die einander dennoch verblüffend ähnlich sind und
in einigen Kernaussagen zusammengefaßt werden können:
Leibliche Botschaften empfangen und senden jedoch alle Menschen, unabhängig
davon, ob sie sich als krank oder gesund definieren (bzw. von anderen definiert
werden). Als Leib-Werden läßt sich im Grunde alles Tun verstehen
(nicht nur therapeutisch indiziertes), das sich in aller Aufmerksamkeit
und Konzentration den Botschaften zuwendet, die das Leib-Ich auszudrücken
und aufzunehmen vermag. Menschen bauen dabei nicht nur an ihren eigenen
Ich-Idealen. Als soziale Akteure bestätigen, vertiefen oder verwerfen
sie auch erlernte gängige Ich-Konzepte. In den praktizierten Ich-Konzepten
tritt also auch gesellschaftlich kollektives Denken zutage, von dem die
Menschen einerseits geformt werden und das sie andererseits auch selbst
mitgestalten.
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