Der Ich-Aspekt und seine Dynamik  
  Denkmuster und Ich-Konzepte  
  In Kreisen denken  
  Auf dem Weg zur Balance  

Auf dem Weg zur Balance

Bereits die Wahrnehmung dieses Dilemmas eröffnet Chancen, es aus einer anderen Sicht wahrzunehmen. Man könnte es schlicht als nicht lösbar akzeptieren. Wer Ideen, Werte und Ideale hat, wird sie auch vertreten und so immer auch wertenden Einfluß auf andere nehmen. 
Ein bewußtes Leben mit diesem Dilemma kann jedoch die Aufmerksamkeit schärfen und dazu führen, den Blick immer wieder auf potentiell viele größere Ganze zu richten. Von zentraler Bedeutung ist dann immer wieder die Frage nach der Weite (und den angewandten Modellen) der eigenen Wahrnehmung in der gegebenen Situation, um deren Erweiterung man sich im fortlaufenden Prozeß des Lebens immer weiter bemühen kann. 

Unser ganz alltägliches Denken ist dabei trotz aller Bemühungen, beweglicher zu werden, recht beständig. Es beharrt auf seinen linearen Denkmustern, die Polarisierung sowohl voraussetzen als auch nach sich ziehen. Je mehr man versucht, sich davon frei zu machen, desto schwieriger wird es. Denn Menschen denken in Gegensätzen sowie einem Vorher und Nachher, weil das Denken gar nicht anders kann. 

Bloß versäumen sie es dann meistens, das denkend Getrennte wieder zusammenzufügen und wenigstens versuchsweise ein größeres Ganzes zu betrachten. Statt dessen wird meist der nicht akzeptable Gegensatz aus der eigenen Person ausgeschlossen, indem er beim Gegner gesehen wird, an dem man das Abgelehnte und Ausgeschlossene leichter bekämpfen kann. Dieses Phänomen ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Es war schon weltweit vor Tausenden von Jahren in Kulturen bekannt, in denen man sicher nicht über Psychologie und Projektionen debattierte, aber um die Gefahr solcher Fehlwahrnehmungen und Fehleinschätzungen sowie daraus folgender Haltungen und sozialer Konsequenzen sehr genau wußte.

In dieser rechthaberisch streitbaren Haltung liegt m. E. auch immer schon die Basis für das Ausbrechen von Kriegen.  Es ist gewissermaßen eine grundlegende Vorübung zum alltäglichen "Kleinkrieg" in den kleinsten gesellschaftlichen Einheiten, wenn zwischen Freunden, Nachbarn, Kollegen und Familienmitgliedern, die aus wohl erwogenen Gründen nicht mehr miteinander sprechen, längerfristig Funkstille herrscht, ohne überhaupt noch friedfertige weitergehende Kommunikationsversuche in Betracht zu ziehen. 

Wenn Extreme sich in der Person selbst, zwischen Personen, Interessengruppen, Institutionen, Völkern und Nationen nicht mehr begegnen und nicht mehr miteinander kommunizieren können, wächst die Gefahr, daß die unreifste Konfliktbewältigungsstrategie zum Zuge kommt, die in sozialpsychologischen Theorien auch als Vernichtung des Gegners beschrieben wird. "Vorteil des Vernichtungskampfes ist es sicherlich, daß der Gegner rasch und dauerhaft beseitigt wird. Der Nachteil dieser Konfliktlösungsart besteht im wesentlichen darin, daß mit dem Verlust des Gegners gleichzeitig auch der Verlust einer Alternative mitgegeben ist, d.h. Entwicklung wird in einem sehr starken Ausmaß gefährdet, da ganz selten ein Gegner immer nur Unrecht hat und nichts an Richtigem vertritt. In der Vernichtungsstrategie sind Fehler nicht korrigierbar." (G.Schwarz, Opladen, 1985)

Die Befürchtung von Menschen, sie müßten sich ändern, etwas an ihnen sei falsch, wenn sie mit einer psychoanalytischen Therapie oder einer systemischen Beratung, einem Supervisionsprozeß oder einem Training beginnen, wurzelt wohl ebenso tief in den zuvor beschriebenen polarisierten linearen Denkmustern, von denen sich auch die Vertreter systemischer Therapieformen nicht von jetzt auf gleich verabschieden konnten. Und wozu denn auch?  Der Blick auf die Welt verändert sich (auch bei Forschern, Theoretikern und Therapeuten) allmählich, er wird weiter. Im Idealfall wird er wohlwollender und mitfühlender. Es wandelt sich die Sicht auf die eigene Geschichte und im direkten Erleben auch die Sicht auf die Welt. 

Man könnte solche Wandlungsprozesse auch ein wachsendes in sich selbst Zuhause-Sein nennen, was wesentlich daran beteiligt ist, sich genauso in der Welt zuhause zu fühlen. Das eine ist immer im Zusammenhang mit dem andern zu sehen: Wer nicht in sich ist, kann nicht über sich selbst hinaus fühlen. Die Lebens-Geschichte bleibt dabei als Basis der immer nächsten Selbst-Entdeckungsschritte von einer ganz beruhigenden Stabilität. Auch hier kann es nicht darum gehen, eines durch ein anderes (von Fachleuten empfohlenes) zu ersetzen, sondern die arbeitende, therapierende, beratende und lehrende Aufgabe stellt sich anders. 

Es ist die Entdeckung der Vielfalt von Perspektiven und Analogien zwischen Geschichten und Menschen, Ideen und Konzepten auf einem kommunikativen Weg zu ermöglichen, der diese Vielfalt nicht einschränkt, sondern ein Lernen anhand der angewandten (auch gegensätzlichen) Konzepte ermöglicht. Das wäre eine Art von "Paradigmenwechsel", der sich nicht revolutionär alle 20 Jahre vollzieht, sondern ein alltäglich übendes, auch sich selbst beobachtendes "Brille-Wechseln", um von einander zu lernen und sich gegenseitig leben zu lassen.

Es ist schon schwer vorstellbar, daß nicht die Welt oder man selbst sich verändert, sondern zunächst einmal die eigene Sicht auf die Welt, bzw. die eigene Konstruktion von Welt. Denn es werden ja  immer wieder nacheinander verschiedene Schichten und Aspekte der Welt in sich nachvollzogen. 
Die Illusion der Veränderung entsteht durch die Polarität, die das Gleichzeitig in ein Nacheinander und das Sowohl-Als-Auch in ein Entweder-Oder zerlegt. Verhindert die Polarität die Einheit in ihrer Gleichzeitigkeit, so wird sie über den Umweg der Zeit direkt wieder hergestellt, indem jeder Pol durch die Nachfolge seines Gegenpols ausbalanciert wird. Wir glauben fest daran, daß sich durch die Zeit sehr viel verändert, und dieser Glaube verhindert zu sehen, daß die Zeit nur Wiederholungen des gleichen Musters produziert. Die Zeit verwandelt das Seiende in Abläufe und Ereignisse - entfernen wir die Zeit wieder, wird das Wesentliche, das hinter den Formen stand und sich in ihnen verdichtete, wieder sichtbar.

Wenn man dann genauer hinschaut, sieht man, daß letzten Endes das Potential der Wandlung immer und überall präsent ist und die Menschen zur Beweglichkeit bewegen könnte. Jedoch behindern festgefügte Selbst-Bilder und Denkmuster die Entfaltung dieser Kraft. Hinter vordergründig scheinbarer Veränderung hängen die Menschen doch an ihren Konstrukten, als garantierten sie ihr Leben. Und vielleicht ist das ja auch so. 
Man könnte also fragen: Wie kommt das, daß das so ist? Wie ist denn das für die Person, die sich hier und jetzt mit ihren Selbst-Konzepten, ihrem Dasein, ihrem leiblichen So-Sein auseinandersetzt? Welche Geschichten erzählt sie? 

So kann die Arbeit in der Situation mit Konzentration auf diesen Augenblick, auf dieses zeitliche, räumliche und persönliche Hier und Jetzt eine leiblich greifbare Wahrnehmung des stets fließenden Daseins fördern, immer vorausgesetzt, daß die Beteiligten ihre Leibpräsenz kommunizieren bzw. lernen, eine Sprache zu entwickeln, um sie kommunizieren zu können. Einerseits scheint das Ich ein immer Suchendes und dadurch Rastloses zu sein; es  fürchtet und ersehnt die Wandlung und erstarrt in Furcht vor dem Unkontrollierbaren. Andererseits ist es aber immer auf der Suche nach umfassenderer Gestaltung seiner Situation und leiblich auf der zuversichtlichen Suche nach Räumen, die seiner Entfaltung dienen könnten. 
Das sind Suchbewegungen, die in Krisen hineinführen können und ein tiefergehendes Lernen jenseits aller kognitiven Erkenntnisse erst möglich machen. Das ist die potentielle Energie der Wandlung, die sich dann bemerkbar macht, wenn die Krise nicht mehr um jeden Preis (meist um der Erhaltung vermeintlicher Sicherheit willen) vermieden werden muß.

Solche Suchprozesse könnte man auch mit dem Auffinden noch unbewohnter leiblicher Innenräume vergleichen, auf die man auch durch Resonanzphänomene von außen und innen aufmerksam (gemacht) werden kann. Finden sie Hier und Jetzt über das Gespür hinaus Gehör und sinnvoll verstandenen Ausdruck (Kommunikation und Deutung), können sie als Resonanz wiederum sinnstiftend in die Welt gelangen.

Das Symptom ist also gesund. Es zwingt uns, das freiwillig nicht gelebte Prinzip dennoch zu verwirklichen und bringt den Menschen somit wieder ins Gleichgewicht. Das Symptom ist die somatische Verdichtung dessen, was uns im Bewußtsein fehlt.
 
 
 

Christiane Schmidt, Supervisorin (SD), Trainerin (SD)